JUNGS MACHEN KUNST
Warum gehen Jungen nicht so gerne ins Museum? Schon der Ort gilt offenbar als wenig attraktiv und die Beschäftigung mit Kunst als Mädchenzone. Diese Problematik scheint so komplex, dass sie in der deutschen Museumslandschaft bisher kaum diskutiert wurde. Erstmals widmen sich deshalb Städel Museum, Schirn Kunsthalle Frankfurt und Liebieghaus Skulpturensammlung der Aufgabe, das Interesse an Kunst und Kultur und die Nutzung von kulturellen Angeboten in Museen speziell bei männlichen Kindern und Jugendlichen in Form von langfristig angelegten, umfassenden und modular aufgebauten Vermittlungsprogrammen nachhaltig zu fördern. Die neue Form der Kunstvermittlung wurde vor dem Hintergrund der Diskussion um Gender Mainstreaming und Geschlechtergerechtigkeit entwickelt. Laut Aussagen vieler Bildungsexperten treten Jungen zunehmend als Bildungsverlierer in Erscheinung. Mit "Jungs machen Kunst" möchten die drei Häuser einmal mehr ihre Bedeutung als außerschulische Lern- und Erlebnisorte unterstreichen und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als Teil des Bildungssystems nachkommen. Ziel von "Jungs machen Kunst" ist es, neue Strukturen in der Kunstvermittlung zu etablieren. Dabei handelt es sich sowohl um öffentliche Angebote wie beispielsweise Vater-Kind-Programme als auch um die Initiierung und Realisierung von Projekten in Zusammenarbeit mit Jugendzentren und vergleichbaren Einrichtungen. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung von Methoden, die geschlechtergerechtes Arbeiten und Kunsterlebnisse verbinden und die Spaß machen. Die drei Frankfurter Institutionen wollen mit ihrer gemeinsamen Initiative zeigen, dass Kunst viele Facetten hat, in denen Jungen auch ihre Themen entdecken können. Die Programme zielen darauf ab, männliche Kinder und Jugendliche durch die Auseinandersetzung mit Kunst in ihrer persönlichen Entwicklung zu fördern und ihnen neue Erfahrungen zu ermöglichen. 2010 sollen in mehreren Pilotprojekten weitere Erkenntnisse für das umfassende didaktische und thematische Spektrum gesammelt werden. Ein erstes Pilotprojekt wurde bereits im November 2009 in der Schirn in Zusammenarbeit mit dem Jugendhaus Goldstein-Schwanheim des Caritasverbands Frankfurt e.V. vor dem Hintergrund der Ausstellung "Kunst für Millionen. 100 Skulpturen der Mao-Zeit" gestartet und findet am 25. Januar 2010 um 19 Uhr im Jugendhaus Goldstein-Schwanheim mit einer Präsentation der Ergebnisse seinen Abschluss. Die lebensgroßen Skulpturen in der Schirn waren für die 12 Teilnehmer Ausgangspunkt, sich kunst- und theaterpädagogisch mit Gefühlen wie Macht, Ohnmacht, Wut, Trauer und Hoffnungslosigkeit auseinanderzusetzen; Emotionen, mit denen die Jugendlichen auch in ihrem Alltag konfrontiert sind. Im Mittelpunkt stand die im Hof für die Pachteinnahme dargestellte dramatische Szenenfolge, in der die erbarmungslose Ausbeutung der Landbevölkerung durch einen reichen Großgrundbesitzer zur Zeit der chinesischen Republik dargestellt wird. Die Szenen wurden von den Jungen nachgespielt, dabei die Charaktere der Figuren ausgelotet und deren eindrucksvolle Mimik und Gestik nachempfunden. Die theaterpädagogischen Übungen boten die Möglichkeit zum Nachdenken über eigene Empfindungen und zu körperbetonten Improvisationen, die die im Kunstwerk dargestellte Handlung weiterentwickelten. Im Zentrum der Reflektion des eigenen Spiels standen Fragen wie "Wie fühle ich mich in der Rolle?", "Was empfindet mein Gegenüber?" und "Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich?". Im nächsten Schritt stand das plastische Arbeiten im Vordergrund. In der praktischen Beschäftigung mit dem Figurenensemble entstanden unter Anleitung einer Kunstpädagogin der Schirn in mehreren Arbeitsschritten lebensgroße Skulpturen, die bestimmte Gefühle ausdrücken sollen. Die Skulpturen sind aus Draht gefertigt, der mit Bauschaum überzogen wurde; Materialien, mit denen man schnell ein Erfolgserlebnis erzielen kann. Doch es kam auch darauf an, in einem zweiten Schritt die Details der Figuren auszuarbeiten und ihnen einen spezifischen Ausdruck zu verleihen. Nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Material war hierbei wichtig, sondern auch das Sichtbarmachen eigener Gefühle. Die kunstpädagogische Arbeit ermöglichte es den Jugendlichen, in einer angstfreien Atmosphäre über Dinge zu sprechen, die sie zuvor nicht thematisieren konnten. Erlebtes fand Eingang in die Figuren und umgekehrt. Durch die kreative Arbeit entdeckten die Teilnehmer neue Stärken und wurden in ihrem Selbstvertrauen bestärkt. Die Schirn, die das erste Pilotprojekt im Rahmen der Initiative umgesetzt hat, fand im Jugendhaus Goldstein-Schwanheim einen idealen Kooperationspartner. Das Jugendhaus legt - neben seinem umfassenden Angebot zur Verbesserung der Bildungschancen und Vermittlung sozialer Kompetenzen an oftmals sozial benachteiligte Jugendliche - einen besonderen Fokus auf die geschlechtsspezifische Bildungsarbeit. Durch geschlechtssensible Angebote können sich Jungen und Mädchen jenseits überkommener Geschlechterstereotypien entwickeln. Im Rahmen des umfassenden didaktischen Spektrums der Initiative "Jungs machen Kunst" wollen Städel Museum, Schirn Kunsthalle und Liebieghaus Skulpturensammlung auch mit weiteren Partnern und Förderern kooperieren. Mit den Erkenntnissen des ersten Pilotprojekts und weiterer Projekte wollen die drei Institutionen diese neue Form der Kunstvermittlung innerhalb ihrer zielgruppenspezifischen pädagogischen Programme etablieren. Begrüßung Marion Katzenmeier, Leiterin Jugendhaus Goldstein Einführung Günter Bauer, Jugend- und Sozialamt der Stadt Frankfurt am Main Dr. Chantal Eschenfelder, Leiterin Bildung & Vermittlung Städel Museum und Liebieghaus Skulpturensammlung Projektvorstellung Klaus Gößwein, Jugendhaus Goldstein Im Anschluss an die Präsentation besteht unter Anleitung der Jugendlichen die Möglichkeit zum eigenen bildhauerischen Gestalten.
Quelle: Pressemeldung Städel Museum
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