Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden
Der Meister von Flémalle (häufig mit dem in Tournai tätigen Künstler Robert Campin gleichgesetzt) und Rogier van der Weyden (der nachweislich zwischen 1427 und 1432 in der Campin-Werkstatt tätig war) sind neben den Brüdern van Eyck für die Entstehung und frühe Entwicklung der niederländischen Malerei von zentraler Bedeutung. Sie stehen für die Entdeckung der sichtbaren Welt, die dank einer raffinierten neuen Maltechnik, der Ölmalerei, in bis dahin ungesehener detailrealistischer Manier geschildert wird. Auch wenn der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden zu den bedeutendsten und innovativsten europäischen Künstlern des 15. Jahrhunderts zählen, auch wenn ihre detailreichopulenten und erzählenden Gemälde zu den schönsten und populärsten Werken der Kunst an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit gehören, so hat es bis heute doch noch keine monographische Ausstellung gegeben, die sich diesen beiden Malern und ihrem Werk gewidmet hat. Dabei ist gerade die Abgrenzung der jeweiligen Werkkomplexe bis heute umstritten. Allein vier monumentale Buchmonographien, die zu teilweise drastisch divergierenden Antworten auf diese Frage kamen, wurden den beiden Künstlern in den letzten Jahren gewidmet. In dieser Situation bietet die vom Städel Museum gemeinsam mit der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin organisierte Ausstellung erstmals die große Chance, in dieser kontroversen Frage auf der Basis des direkten Vergleichs zu überzeugenden Antworten zu gelangen. Denn das Städel Museum in Frankfurt und die Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin verfügen über unvergleichliche Bestände zum Meister von Flémalle und zu Rogier van der Weyden, die in dieser Ausstellung erstmals zusammengeführt werden. Ergänzt werden diese durch zahlreiche glanzvolle Leihgaben aus den großen Museen der Welt wie der National Gallery in London, dem Museo del Prado in Madrid, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Musée du Louvre in Paris, der Staatlichen Eremitage in St. Petersburg, der National Gallery of Art in Washington oder dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Insgesamt über 50 Meisterwerke der beiden Künstler - nahezu alle erhaltenen und transportfähigen Gemälde - werden aus diesem Anlass vereint. Viele der hier gezeigten Werke sind noch nie zuvor ausgeliehen worden, die allermeisten werden überhaupt zum ersten Mal in dieser Ausstellung zusammen zu sehen sein. Die Schau bietet damit die singuläre Möglichkeit, die Bilderwelt zweier der bedeutendsten und einflussreichsten Künstler des 15. Jahrhunderts in noch nie dagewesener Qualität und Dichte zu erleben. Für das Städel Museum und seine hochkarätige Sammlung altniederländischer Malerei bedeutet diese Ausstellung einen Meilenstein innerhalb der Altniederländer- Forschung, die seit vielen Jahren am Hause intensiv betrieben wird. Die Ausstellung "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden" wird von der Deutschen Bank AG gefördert. Presseinformation "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden", 10. November 2008, Seite 2 von 4 Zu den faszinierendsten Kapiteln der europäischen Kunst gehören die Anfänge der "ars nova", jener revolutionären neuen Malerei in den Niederlanden zu Beginn des 15. Jahrhunderts, die mit ihrer detailrealistischen Wirklichkeitswiedergabe und psychologischen Darstellungsfähigkeit den Beginn der frühneuzeitlichen Kunst markiert. Eine neue Maltechnik, die vor allem Öl anstelle der traditionellen Tempera als Bindemittel nutzte, machte dies möglich. Die augentäuschende Wiedergabe von makellosem Frauenteint und runzeliger Greisenhaut, von dicker Wolle und glänzender Seide, von flauschigem Pelz und noppigem Filz begeisterte schon die Zeitgenossen nördlich wie südlich der Alpen, und sie begeistert auch den heutigen Betrachter. Gleiches gilt für die anrührende Schilderung einer fürsorglichen Maria, die ihrem Kind die Brust gibt, oder einer trauernden Maria Magdalena unter dem Kreuz, der die Tränen über die Wangen laufen. Bis dahin ungesehene Einzelheiten werden erstmals bildwürdig, und zugleich schildern die Maler altehrwürdige Bildmotive in einer psychologischen Intensität und Prägnanz, welche die vornehmlich religiösen Gemälde geradezu in eine gemalte Gebrauchsanweisung für den zeitgenössischen frommen Betrachter verwandeln. Neben Hubert und Jan van Eyck sind zwei Künstler für die Entstehung und frühe Entwicklung dieser Malerei von zentraler Bedeutung: der sogenannte Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden. Ihr Schaffen ist aufs engste miteinander verbunden, was jedoch angesichts des vollständigen Fehlens signierter und datierter Gemälde bis heute zu fundamentalen Problemen in der Werkabgrenzung führt. So bleibt das Bild zweier der wichtigsten und einflussreichsten Künstler des 15. Jahrhunderts merkwürdig diffus und umstritten. Während es sich bei dem weltberühmten Brüssler Stadtmaler Rogier van der Weyden (1399/1400-1464) um eine in den zeitgenössischen Quellen klar fassbare historische Persönlichkeit handelt, ist die Sachlage beim Meister von Flémalle komplizierter. Denn bei ihm haben wir es mit einem artifiziellen Geschöpf der Stilkritik zu tun, das nur bedingt mit einer historischen Gestalt zu verbinden ist. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts befinden sich drei eindrucksvolle Tafelbilder im Städel Museum, die dem Meister von Flémalle seinen Namen gegeben haben, glaubte man damals doch irrtümlicherweise, sie stammten aus dem bei Lüttich im Maastal gelegenen Ort Flémalle: die ihr Kind stillende Madonna, die das Schweißtuch Christi präsentierende heilige Veronika und schließlich der "Gnadenstuhl", eine Darstellung Gottvaters, der seinen toten Sohn im Arm hält, und der Taube des Heiligen Geistes. Diese Tafelbilder, einst Flügel eines ansonsten untergegangenen monumentalen Altarretabels, gehören neben dem etwa gleichzeitig entstandenen Genter Altar der Brüder Van Eyck zu den bedeutendsten Werken der frühniederländischen Malerei. Um die Frankfurter Gemälde und den nach seinen früheren Besitzern benannten "Mérode-Altar" - heute eines der Hauptwerke des Metropolitan Museum of Art in New York und gleichfalls in der Ausstellung zu sehen - wurde kurz vor 1900 allein auf Grundlage stilistischer Vergleiche das "Werk" des Meisters von Flémalle gruppiert. Nur wenig später, zu Anfang des 20. Jahrhunderts, gelang die sichere Identifizierung von vier Gemälden, die sich unverkennbar an Werken des Meisters von Flémalle orientieren, ohne jedoch dessen künstlerische Qualität zu erreichen: vier Flügelbilder eines Marienaltars, die zwischen 1433 und 1435 von dem aus Tournai stammenden Malers Jacques Daret (um 1401 - nach 1468) für die Abtei St. Vaast in Arras geschaffen wurden und die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind. Da ihr Schöpfer, Jacques Daret, nachweislich bei dem gleichfalls in Tournai tätigen Künstler Robert Campin (um 1375- 1444/45) gelernt hatte und zudem, zusammen mit Rogier van der Weyden, von 1427 bis 1432 in seiner Werkstatt tätig gewesen war, lag angesichts der Abhängigkeit seiner Bilder von Werken des Flémallers der Schluss nahe, dass es sich beim Meister von Flémalle um niemand anderen als um Robert Campin handelt. Presseinformation "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden", 10. November 2008, Seite 3 von 4 Doch diese heute weithin akzeptierte Gleichsetzung des Meisters von Flémalle mit Robert Campin wirft erhebliche Probleme auf: Denn während Rogier van der Weyden bereits zu Lebzeiten eine Berühmtheit war und sein Nachruhm nie verblasste, war Robert Campin den zeitgenössischen Quellen zufolge ein in Tournai angesehener Künstler, dessen Reputation kaum über seine Heimatstadt hinausging und dessen Name bald nach seinem Tod in vollkommene Vergessenheit geriet, aus der ihn erst die Archivforschung des 19. Jahrhunderts befreite. Dies steht in irritierendem Kontrast zur Berühmtheit jener Werke, die dieser Künstler angeblich geschaffen haben sollte. Aber entscheidender noch: Robert Campin wurde bereits um 1375 geboren und muss daher seine künstlerische Prägung während seiner Lehrzeit schon vor der Wende zum 15. Jahrhundert erhalten haben. Doch die epochemachenden Werke, die ihm bei seiner Gleichsetzung mit dem Meister von Flémalle zugeschrieben werden müssten, sind erst um 1430 entstanden und zeigen keinerlei Anklänge mehr an die Kunst um 1400. Wenn Campin der Flémaller gewesen sein sollte, müsste er mit etwa 55 Jahren - nach damaligen Verhältnissen also als alter Mann - die künstlerische Revolution in den Niederlanden mit angestoßen haben. Da erscheint es sehr viel plausibler, in Robert Campin einen höchst erfolgreichen Künstlerunternehmer zu sehen, der es geschickt verstand, die Erfahrungen und das Können jüngerer Künstler, darunter von niemand Geringerem als Rogier van der Weyden, auf Zeit in seinen Werkstattbetrieb einzubinden. Als Werkstattleiter organisierte und koordinierte Campin die Großaufträge, doch ihre Ausführung scheint er weitgehend an seine Mitarbeiter delegiert zu haben. Wesentliche Impulse für das grundlegend Neue im Schaffen der Campin-Werkstatt scheinen also erst mit dem Eintritt Rogiers im Jahre 1427 gegeben worden zu sein, und gerade im Falle der namengebenden Flémaller Tafeln ist mit einem ganz entscheidenden Anteil Rogiers an deren künstlerischer Konzeption und Ausführung zu rechnen. Robert Campins eigene Hand wird man am ehesten in stilistisch altertümlicheren, noch der Kunst der Jahrhundertwende verpflichteten Werken wie etwa der Verkündigung aus Brüssel oder der Madonna vor der Rasenbank aus Berlin sehen können, die beide in der Ausstellung zu sehen sind. Gerade der Vergleich der Brüssler Verkündigung mit der nach ihrem Vorbild geschaffenen, jedoch zugleich stilistisch und maltechnisch "modernisierten" Mérode-Verkündigung kann den Generationsunterschied zwischen Campin und seinen jüngeren, avancierteren Mitarbeitern verdeutlichen. Auf den Punkt gebracht bedeutet dies, dass das Werk des Meisters von Flémalle alles andere als homogen und der Flémaller eben keine identifizierbare Einzelperson ist, die - wie sonst meist üblich - eins zu eins mit Robert Campin gleichgesetzt werden kann. Die Ausstellung bietet nicht nur die Chance, die bis heute umstrittenen Fragen der Autorschaft der einzelnen Gemälde im direkten Vergleich anzugehen, sodass sich jeder Besucher sein eigenes Bild machen kann. Sie lädt auch dazu ein, in die Bildwelt des 15. Jahrhunderts einzutauchen und deren uns heute fremd gewordene Wirklichkeit wie in einem "fernen Spiegel" zu betrachten. Gerade die zahlenmäßig vorherrschenden religiösen Darstellungen verlegen ihre Themen vollkommen unbefangen in eine zeitgenössische Kulisse und kleiden ihre Figuren in zeitgenössische Tracht. Zugleich verbergen sich hinter zahlreichen Motiven symbolische Bedeutungen, die dem heutigen Betrachter gar nicht oder kaum mehr bekannt sind. Sie waren dem damaligen Gläubigen aber wohl vertraut und verliehen der jeweiligen Darstellung eine ungeahnte inhaltliche Tiefe. So kann der Besucher der Ausstellung unter der detailreichopulent geschilderten Oberfläche der prägnant erzählenden Bilder auf eine Art Entdeckungsreise gehen, die ihm die Fülle des Lebens des 15. Jahrhunderts erschließt. Presseinformation "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden", 10. November 2008, Seite 4 von 4 Eine Ausstellung des Städel Museums, Frankfurt am Main, und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Ausstellung wird in Berlin vom 20. März bis 21. Juni 2009 zu sehen sein. Die Ausstellung steht unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von Seiner Majestät Albert II., König der Belgier, und Bundespräsident Horst Köhler. Kurator: Prof. Dr. Jochen Sander, Stellvertretender Direktor des Städel Museums und Kustos für altniederländische und altdeutsche Malerei Wissenschaftliche Mitarbeit: Gabriel Dette, M. A., und Dr. Bastian Eclercy, Städel Museum Ausstellungsarchitektur: Kühn Malvezzi Architekten, Berlin Katalog: "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden", hrsg. von Stephan Kemperdick und Jochen Sander, Vorwort von Max Hollein und Bernd W. Lindemann. Beiträge von Bastian Eclercy, Stephan Kemperdick, Peter Klein, Antje-Fee Köllermann und Jochen Sander. Deutsche und englische Ausgabe, 403 Seiten, 203 farbige Abbildungen, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2008, ISBN 978-3-7757- 2258-2 (deutsch), ISBN 978-3-7757-2259-9 (englisch), 34,90 Euro (Museumsausgabe, Klappenbroschur) Der Audioguide zur Ausstellung "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden" wird gefördert durch die Fazit-Stiftung.
Quelle: Pressemeldung Städel Museum
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